Übersetzen
Meinen Abschluß als Diplom-Übersetzerin in Englisch und Niederländisch habe ich am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz in Germersheim gemacht. Neun Jahre lang habe als freiberufliche Übersetzerin gearbeitet. Die Liebe zur Literatur trieb mich damals in die Arme der Verlage, die genau auf solche Leute wie mich warteten, um sie auszunutzen.
* Dass
man mit einem der wichtigsten Berufe, die unser Geistesleben kennt,
seinen Lebensunterhalt in der Regel nicht bestreiten kann, ist im Grunde
skandalös.
Roman Herzog, Exbundespräsident
Das Jahresbruttoeinkommen einer literarischen Übersetzerin (Männer sind selbstverständlich mitgemeint) beträgt im Durchschnitt 11.600,00 Euro (statistische Erhebung des Übersetzerverbandes 2003). Das sind pro Monat 966,66 Euro, von denen Steuern, Krankenkasse und Rentenversicherung, Miete und Strom, Büromaterial, Computer und Zubehör bezahlt werden müssen. Ach richtig, die meisten möchten auch noch etwas essen.
Wovon diese Leute wirklich leben, wollen Sie wissen? Manche sind verheiratet und haben einen Partner/eine Partnerin, die für Miete, Strom und Essen sorgt. Andere suchen sich Nebenjobs, um stundenweise etwas dazuzuverdienen und die gröbsten Löcher zu stopfen. Wieder andere haben Schulden angehäuft und sich damit abgefunden, daß ihre Rente im besten Fall dazu reichen wird, die Miete zu bezahlen, und daß sie schuften müssen, bis sie umfallen.
Warum diese Leute das überhaupt machen, fragen Sie sich? Weil Übersetzen der wunderbarste und vielseitigste Beruf ist, den es gibt. Ein Buch über Rosen, ein historischer Roman aus dem amerikanischen Süden, ein Ratgeber über Verhütungsmittel und ein Buch, das in Yorkshire spielt und so voller Dialekt steckt, daß Sie sich die Haare raufen und täglich grübelnd unter der Dusche stehen - all das kann Ihnen als Übersetzerin hintereinander wiederfahren. Langeweile kommt dabei nicht auf.
Zum Beispiel muß man eine halbe Literaturwissenschaftlerin sein, um die Kriminalromane von Dorothy Sayers zu übersetzen, in denen es von Zitaten der englischen Literatur nur so wimmelt. Ein solches Zitat wird gewöhnlich nur dann selbst übersetzt, wenn es davon noch keine deutsche Version gibt. Zitiert ein Autor zum Beispiel aus der Bibel oder aus Shakespeares Werken, so gilt es
a) das Zitat als solches zu erkennen
b) herauszufinden, aus welchem Teil
bzw. Stück es stammt
c) das entsprechende Stück in einer anerkannten deutschen Standardübersetzung
aufzutun und
d) die entsprechende Stelle zu finden.
Dank Internet, CD-Roms und ähnlicher Segnungen der Computerwelt sind die Teile b und d ein wenig leichter geworden. Aber die Zitate als solche zu erkennen ist immer noch der erste, bedeutende Schritt auf dem Weg zur guten Übersetzung.
* Wissen
Sie, das Übersetzen ist einer dieser dienenden Berufe. Wir sind
wie die Kostümbildner am Theater. Die werden in der Kritik auch
nur genannt, wenn sie es schlecht gemacht haben.
Regine Elsässer, Übersetzerin
Meiner Kollegin Almuth Heuner und mir ist es schon passiert, daß wir bei einem Theaterkrimi zwar mühsam alle Shakespeare Zitate - auch die abgewandelten und verschlüsselten - herausgefunden und die entsprechenden deutschen eingesetzt hatten, dann aber von einer völlig unbedarften Lektorin "korrigiert" wurden, weil unser deutsch an manchen Stellen so furchtbar altmodisch sei. Kein Scherz.
Zurück zum Anfang: Übersetzen ist einer der wichtigsten Berufe in unserem Kulturleben. Vergessen Sie das nicht.
* Was
wäre aus der Welt geworden, wenn Freud und Marx nicht übersetzt
worden wären?
Ebba Drolshagen, Übersetzerin
