Sprachglossen
Schreiben und sprechen – eine Vision?
Die
Rechtschreibreform ist seit Monaten in aller Munde. Jetzt soll es sogar
ein Volksbegehren gegen sie geben. Dabei scheinen sich all jene, die
sich so erbittert gegen die neuen Schreibweisen wehren, der politischen
Bedeutung dieser Reform gar nicht bewußt zu sein.
[...
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Nicht ohne meine Lektorin!
Ich gebe es zu. Übersetzerinnen sind nicht perfekt. Wir haben viele
gute Tage, und ab und zu auch mal einen schlechten. Oder zwei. Oder auch
mal drei? Und weil die meisten von und das wissen, lieben wir LektorInnen.
Gute LektorInnen.
[... Artikel lesen]
E-Mail – Für den kleinen Terror
zwischendurch
Eigentlich ist
E-Mail ja eine tolle Erfindung. Da flattert mir die Nachricht ins Haus,
daß eine Freundin in Kanada Nachwuchs bekommen hat. Eine
Sister in Crime aus Frankreich macht Urlaub in Deutschland und möchte
mich kennenlernen, und eine Übersetzerkollegin aus Norwegen wüßte
gern, was sie sich unter „Weck, Worscht un Woi“ vorzustellen
hat.
[... Artikel lesen]
Sätze, die die Welt (nicht) braucht
Es blubbert in der Republik.
Sie haben schon richtig gelesen. Es brodelt nicht, es blubbert. Auf Klappentexten,
in der Werbung, im Fernsehen – überall
sprachliche Seifenblasen.
[... Artikel lesen]
Pisa, wir kommen!
Es ist erst ein paar Jahre her, daß ich an gleicher Stelle über
den Vorschlag des damaligen hessischen Kultusministers Holzapfel lästerte,
Kinder gar nicht mehr in Rechtschreibung zu unterrichten, da die lieben
Kleinen sich ja sowieso die Erwachsenen als Vorbild nähmen, um ihnen
nachzueifern.
[... Artikel lesen]
Ich will so bleiben wie ich bin
"Du darfst!", schallt es mir allenthalben entgegen. Vorausgesetzt,
ich habe schon Idealmaße. Dann, und nur dann, darf es mir egal sein,
wie Paul meinen Hintern findet. Ansonsten muß ich mich anstrengen.
[... Artikel lesen]
Schreiben und sprechen – eine Vision?
Die Rechtschreibreform ist seit Monaten in aller Munde. Jetzt soll es sogar ein Volksbegehren gegen sie geben. Dabei scheinen sich all jene, die sich so erbittert gegen die neuen Schreibweisen wehren, der politischen Bedeutung dieser Reform gar nicht bewußt zu sein.
Eine Anpassung der Schreibweise an den Geschmack und die Fähigkeiten der Masse – ist das nicht eine wahrhaft demokratische Entscheidung? Die Mehrheit weiß nicht, wie man Restaurant schreibt? Kein Problem – wir schreiben es künftig einfach so, wie die meisten es falsch machen. Zeugt es nicht von aufrichtiger Begeisterung für Europa, wenn wir Wörter anderer Sprachen unserer Schreibweise anpassen, indem wir zum Beispiel Spaghetti in Zukunft ohne h schreiben? Schließlich haben auch unsere niederländischen Nachbarinnen und Nachbarn das französische cadeau in ihren Sprachschatz aufgenommen: als kado. Hat ihnen das etwa geschadet? Die niederländische Wirtschaft ist deswegen jedenfalls nicht zusammengebrochen.
Der hessische Kultusminister Holzapfel ist ein Mann mit Visionen. Laut Zeitungsmeldungen hat er vorgeschlagen, Kinder in Zukunft gar nicht mehr in Rechtschreibung zu unterrichten, weil sie seiner Meinung nach in dem Bedürfnis, die Erwachsenen nachzuahmen, sich den richtigen Umgang mit der Sprache und damit auch die korrekte Rechtschreibung ganz von selbst aneignen werden. (Vielleicht könnte man damit auch ein paar Stellen für Lehrerinnen und Lehrer einsparen?)
Denken wir das konsequent weiter, können wir nicht einfach bei der Rechtschreibung aufhören. Könnten wir uns den Deutschunterricht nicht ganz sparen? Lassen wir die Kinder doch generell von den Erwachsenen lernen, was gutes und richtiges Deutsch ist.
Als Vorbilder böten sich zum Beispiel die Politiker an, die rechnen zum Reflexivverb erhoben haben, weil sich der Haushalt nicht rechnet. (Der ist schließlich selber schuld, wenn er nicht richtig rechnen kann.) Oder die vielen emsigen Geschäftsleute, deren Betrieb sich zwar rechnen mag, bei denen es aber mit der Grammatik hapert: Ungehemmt nennen sie ihre Unternehmen Petra’s Seniorenservice, Britta’s Backstube oder Dori’s Geschenkboutique (wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Namensgeberin im letzten Beispiel nicht gar Doris heißt).
Revolutionäre Tendenzen gehen dahin, das s am Ende eines Worte’s grundsätzlich zu apostrophieren. Ein Maler- und Lackiererbetrieb im Raum Darmstadt-Dieburg wirbt auf seinen Autos mit dem wunderbaren Firmennamen Null Problemo’s. (Die Buchstaben sind allerdings sauber lackiert.) Eine Bäckerei an der Bergstraße lockt ihre Kundinnen und Kunden mit dem köstlichen Plakat Sonntag’s frische Brötchen, und eine Verlagsmitarbeiterin schrieb mir, daß ich „in der Anlage ... die Broschüre mit den neuen Krimi’s“ erhielte. (Sie teilte mir allerdings nicht mit, in welcher Anlage sie sich zur Übergabe der Broschüre mit mir treffen wollte.)
Diese Entwicklung macht jedoch nicht bei der Rechtschreibung halt, und die erste Bastion – die der ZeitungsjournalistInnen – ist bereits gefallen. Die Veränderungen sind so tief greifend, daß möglicherweise ein großer Teil der Evolutionsgeschichte neu geschrieben werden muß – schließlich las ich im DARMSTÄDTER ECHO vor kurzem anläßlich einer Zirkusvorstellung, daß Elefanten „auf ihren dicken Hufen“ in die Manege kamen. In diesem Artikel wurde deutlich, daß wir uns auch der physikalischen Gesetze nicht sicher sein können, da auf dem Rücken der Dickhäuter „Ballerinas“ tanzten. Steckten die Ballerinas an den Füßen von Ballerinen? Oder waren die Schuhe etwa ganz allein unterwegs? Daß die physikalische Ordnung tatsächlich ernsthaft in Gefahr ist, wird auch durch den folgenden Satz klar: „Hoch unter dem Zirkushimmel wirbelte die ... [Truppe] ... mit ihrer atemberaubenden Luftsensation den Manegensand auf.“ Da können Kinder und Jugendliche doch wirklich was fürs Leben lernen.
Ein gutes Vorbild für das Sprachgefühl der Heranwachsenden ist auch das Fernsehen. Da wäre zum Beispiel der Sportreporter, der einen Turner am Reck als Mitglied der weißrussischen Equipe vorstellte. Wo, frage ich mich, hatte der Mann sein Pferd, und was sagt der Tierschutzverein dazu?
Apropos Sport: Olympiade ist die Bezeichnung für den Zeitraum zwischen den olympischen Spielen. Deshalb heißt es bei den Eröffnungsfeiern immer so schön: „Ich eröffne die Spiele zur Feier der soundsovielten Olympiade der Neuzeit.“ Mittlerweile weiß das kaum noch jemand (schon gar kein Sportreporter), und der Duden läßt Olympiade als Synonym für olympische Spiele gelten. Auf der Strecke bleibt dabei der Zeitraum dazwischen, für den wir kein Wort mehr haben.
Fangen wir mit dem Holzapfelschen Modell an, und denken wir in diese Richtung weiter. Wenn der Deutschunterricht endlich abgeschafft ist, sollten wir und auch in anderen Dingen konsequent dem demokratischen Mehrheitsprinzip beugen. Auf allgemeinen Wunsch der Grundschülerinnen und -schüler könnte dann zwei mal zwei sechs ergeben. Ob sich das noch rechnet?
© Andrea C. Busch, 1997
Anmerkung 2006: Diese Schreibweise wurde in der Zwischenzeit wieder rückgängig gemacht. Es heißt im Niederländischen ganz offiziell wieder cadeau.
Ich gebe es zu. Übersetzerinnen sind nicht perfekt. Wir haben viele gute Tage, und ab und zu auch mal einen schlechten. Oder zwei. Oder auch mal drei? Und weil die meisten von und das wissen, lieben wir LektorInnen. Gute LektorInnen.
Mit einer guten Lektorin sprechen wir über die Stärken und Schwächen der zu übersetzenden AutorInnen – und über unsere eigenen. Eine gute Lektorin bewahrt uns davor, einem Hund Füße anzudichten, statt ihn auf eigene Pfoten zu stellen. Sie hindert uns daran, Metaphern zu mischen (waren es nun Leichen im Schrank oder Skelette im Keller?) und hat geniale Ideen, wenn es darum geht, einen Satz aufzudröseln, an dem wir uns die Zähne ausgebissen haben. Und sollten wir wirklich etwas völlig verbaselt haben, ruft sie besorgt an und erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist, statt uns in die Pfanne zu hauen. Und das alles ohne jede Häme.
Natürlich sind da auch die anderen. Solche, die zwanghaft jedes „einige Tage später“ im Text streichen, udd es durch „ein paar Tage später“ zu ersetzen. Die jedes „well“ unbedingt mit einem „nun“ wiedergeben wollen. Oder mit penetranter Hartnäckigkeit darauf bestehen, daß „Indian summer“ mit Indianersommer übersetzt werden muß statt mit Altweibersommer, weil es so originell und ethnisch-folkloristisch klingt. Nicht zu vergessen jene, die aus jedem „students“ Studentinnen und Studenten machen (auch wenn SchülerInnen gemeint sind) und aus „professors“ Professorinnen und Professoren. Wenn aber die anpassungswillige Übersetzerin, hoch erfreut über die anscheinend getroffene Grundsatzentscheidung feministischen Sprachgebrauchs, alle Formen im Text entsprechend anpaßt, streicht die gnadenlose Lektorin die Hausmeisterinnen, Dachdeckerinnen und Mörderinnen wieder. „Weil das irgendwie doch nicht so paßt.“ Aha.
Ein gutes Lektorat ist Gold wert. Das sieht man an den Büchern, die keines hatten.
Da werden Mischlingshunde als Hybriden bezeichnet, worunter man im normalen Sprachgebrauch eher eine Pflanzenkreuzung versteht. Wer hat denn schon gehört, daß eine Tierheimleiterin in einer Sendung wie Herrchen gesucht [sic] von den vielen Hybriden gesprochen hätte, die im Tierheim auf ein neues Zuhause warten?
Da liegt ein namenloser Fetzen Stein herum, und gleich nebenan schlägt ein übermannshohes Gebüsch wie ein Dach über einem Kiespfad zusammen. Oder die Hauptfigur eines Romans stolpert in ihrem Wohnzimmer ganz überraschend über eine Schlange, bei der es sich dann noch nur um den – im Niederländischen gleichnamigen – Staubsaugerschlauch handelt.
In manchen Büchern tragen Frauen als Unterwäsche grundsätzlich
Bikiniunterteile, wobei ein Blick auf die Wäscheseiten des Neckermann-Katalogs
Laien sofort darüber belehrt, daß ein „bikini slip“ zwar
in der Form einem Bikiniunterteil ähneln mag, aber eben doch bloß eine
Unterhose ist wie andere auch.
Besonders männliche Kollegen müssen da häufig von einer
wohlmeinenden Lektorin an die Hand genommen werden, behaupten doch böse
Zungen, daß sie sich nicht einmal bei ihrer eigenen Unterwäsche
richtig auskennen.
Gern werden auch Kinder mit großen Mengen Ingwerbier abgefüllt. Daß sich hinter dem „ginger-ale“ nichts anderes verbirgt als eine süße Limonade, verrät der Blick ins Getränkeregal. Oder die Lektorin.
Und die vielen zweistöckigen Häuser, bei denen eine einzige
Treppe vom Erdgeschoß in den zweiten Stock führt, wollen wir
ganz schnell wieder vergessen. Wen interessiert schon, daß der „first
floor“ in den Vereinigten Staaten das Erdgeschoß ist? Die
LeserInnen? Bestimmt nicht.
„Ach“, sagte meine Tante enttäuscht, als ich ihr von den
Aufgaben einer Lektorin erzählte. „Ich dachte, du könntest
perfekt Englisch. Müssen die dich denn kontrollieren?“
Niemand sei perfekt, erklärte ich ihr. Meine Übersetzungen seien
gut. Aber mit einer guten Lektorin würden sie eben noch ein bißchen
besser. Und das sei es doch, worauf es ankomme.
Sie hat es nicht verstanden. Verstehen Sie es?
© Andrea C. Busch, 1999
E-Mail – Für den kleinen Terror zwischendurch
Eigentlich ist E-Mail ja eine tolle Erfindung. Da flattert mir die Nachricht ins Haus, daß eine Freundin in Kanada Nachwuchs bekommen hat. Eine Sister in Crime aus Frankreich macht Urlaub in Deutschland und möchte mich kennenlernen, und eine Übersetzerkollegin aus Norwegen wüßte gern, was sie sich unter „Weck, Worscht un Woi“ vorzustellen hat.
Alles kein Problem, oder? Der Sister in Frankreich schicke ich Adresse und Telefonnummer, und auch die Norwegerin ist schnell versorgt. Wie aber gratuliere ich formvollendet per E-Mail zum Nachwuchs? Begebe ich mich auf eine der vielen Internetseiten, die einen kostenlosen elektronischen Grußkartenservice anbieten? Vielleicht ist das doch nicht persönlich genug. Außerdem weiß ich nicht, ob die Empfängerin sämtliche Plug-ins, Applets und Weiß-der-Geier-was auf ihrem Computer hat, damit sie die animierten strampelnden Babyfüßchen auch empfangen kann. Dazu kommt, daß sie die Elektrokarte auf eigene Rechnung im Internet abholen muß.
Ich glaube, ich greife doch lieber zu Papier und Füllhalter, wie früher. Karte kaufen, schreiben, mit Briefmarke versehen und abschicken, dazu fünf Arbeitstage Reisezeit. Ob die Freundin dann gekränkt ist, weil ich erst so spät reagiere?
Eines hat mich E-Mail nämlich gelehrt: Geschwindigkeit ist keine Hexerei mehr, sondern oberste Pflicht. Menschen, die bis vor kurzem noch geduldig eine Woche auf einen Brief oder Rückruf gewartet haben, brechen in Panik aus, wenn ihre E-Mail nicht innerhalb von vier Stunden beantwortet wird. Und senden dann im Stundenrhythmus die nächsten: „Hast Du meine Mail nicht erhalten?“ Offensichtlich kommen sie nicht auf die Idee, daß ich noch etwas anderes zu tun habe, als stündlich zum elektronischen Briefkasten zu tippeln.
Bei den ganz besonders eiligen Mails handelt es sich übrigens häufig um Anfragen der tragweite „Weißt Du zufällig, wie man mit meiner Lieblingsschrift eine Manuskriptseite formatiert?“ Müßten diese eifrigen E-Mailschreiberinnen für ihre Anfrage ein Blatt Papier beschriften, in einen Umschlag stecken, ihn adressieren, frankieren und zum Briefkasten tragen, würden sie das Problem selbst lösen. Oder ihre Manuskriptseiten weiter in Courier formatieren.
In den Mailinglisten spielt sich ähnliches ab. Jemand stellt eine Frage und bekommt 17 Antworten: Drei beziehen sich auf die Frage, bei zweien haben die AbsenderInnen die Frage nicht verstanden, und die anderen zwölf kennen sich zwar auf dem Sachgebiet nicht aus, geben aber gute Ratschläge.
Gelegentlich vergreifen sich die SchreiberInnen auch ganz gehörig im Ton; eigentlich ein Unding für Menschen, die mit Schreiben und Übersetzen zu tun haben. Aber zum Formulieren braucht der Mensch Zeit, und die wollen wir ja mit E-Mail sparen.
Schnell noch was schreiben, ohne weiter darüber nachzudenken, hurtig eine Antwort schicken, ohne die Frage richtig zu lesen, und wozu sich die Mühe machen, ins Wörterbuch oder Lexikon zu schauen? Fragen wir doch einfach in der Mailingliste, irgend jemand wird’s schon wissen. Bei solch emsiger Produktion kommt einiges zusammen. Am Tag 30 Mails pro Liste sind keine Seltenheit. Wann soll ich die bloß alle lesen? In der zeit, die ich gespart habe, weil jetzt E-Mails schreibe statt Briefe? Das ist aber noch lange nicht alles. Meine besondere Zuneigung gilt den lieben Menschen, die hilfsbereit und besorgt um das Wohlergehen meines Computers hemmungslos jede noch so schwachsinnige Virenwarnung weiterleiten, anstatt sich zu informieren, ob die Warnung nicht ein sogenannter „hoax“ ist, der lediglich Panik verbreiten soll. Unter www.symantec.com/avcenter/hoax.html oder HoaxBusters.ciac.org läßt sich das im Internet schnell feststellen. Aber das wäre vermutlich zuviel verlangt von den lieben Menschen – so besorgt, daß sie mir unnötigen Mailmüll ersparen, sind sie dann doch nicht.
Mittlerweile tummeln sich übrigens auch die Liebhaberinnen der Kettenbriefe in der schönen neuen Online-Welt. Da soll ich zehn meiner FreundInnen mit elektronischen Postkarten oder Konfuziussprüchen beglücken, Manifeste unterschreiben und weitersenden. Wenn ich es nicht tue, drohen mir sieben Jahre virtuelles Unglück – wer möchte das schon riskieren?
Hatte ich eigentlich schon die Werbemails erwähnt, in denen mir mit schöner Regelmäßigkeit „Russki Girls“ angeboten werden?
Manchmal ist der Kasten aber auch leer, und das Programm meldet: Keine neuen Nachrichten. Glück gehabt.
Bin ich eigentlich verpflichtet, meine E-Mails zu lesen? Normale Post
könnte ich doch auch straflos in die Altpapiertonne werfen, solange
sie keinen offiziellen Stempel trägt. Aber jede ungelesene und unbeantwortete
Mail zieht wieder einen ganzen Schwanz anderer nach sich. Siehe oben ...
Übrigens, sollte mir jemand eine Geburtstagskarte schicken wollen,
bitte per Schneckenpost. An diesem Tag bleibt der elektronische Briefterror
nämlich geschlossen.
© Andrea C. Busch, 2001
Sätze, die die Welt (nicht) braucht
Es blubbert in der Republik. Sie haben schon richtig gelesen. Es brodelt nicht, es blubbert. Auf Klappentexten, in der Werbung, im Fernsehen – überall sprachliche Seifenblasen. Von Politikern sind wir dummes Geschwätz ja gewöhnt, deshalb will ich die mal außen vor lassen. Und auch die Schätze aus Synchronisation und Übersetzung stehen hier nicht im Vordergrund. Andererseits, so einen Satz wie „Hast du gewußt, daß das Rowdytum den Ackerbau vordatiert?“ darf ich eigentlich nicht unterschlagen. Oder den Mann, der in eine Bar ging und „Eine Jungfrau Maria, bitte“ verlangte.
Wenden wir uns aber wieder der deutschsprachigen Eigenproduktion zu. Klappentexte sind da besonders ergiebig. „Der Richter wurde von einem auf den anderen Tag entführt.“ Wie sonst? Heute ein Arm, morgen ein Bein? Hübsch auch: „Er gerät immer wieder in für ihn gefährliche und knappe Situationen.“ Lange her, daß ich das letzte Mal in einer knappen Situation war. Seither kaufe ich mir nur noch Klamotten, die passen. Oder habe ich da was falsch verstanden?
Nach wie vor fordern sportliche Großereignisse Reporter zu sprachlichen Höchstleistungen heraus. Bei einem Reitturnier hieß es: „Das sind die Mannschaften, die auf der Klaviatur ihres Könnens die erste Geige zu spielen versuchen werden.“ Na dann, fröhliches Hufkonzert. Bei der Übertragung der olympischen Rodelwettbewerbe wurde der Reporter geradezu poetisch: „Diese leichte Korrektur! Wie der Wimpernschlag einer Libelle.“ Dieses wunderbare Zitat ermöglicht mir den fließenden Übergang ins Tierreich. Tiersendungen sind ja besonders beliebt, und je unheilschwangerer die Stimme des – männlichen – Kommentators (Bariton), desto schwachsinniger meist der Text. „Gehen wir mal von den schnellsten Raubkatzen aus, so sind das vor allem Panther.“ Als Gepard wäre ich da beleidigt. Ehrlich.
Da ist ungehemmt die Rede von einem „Dinosäugling“ und von „Dingos, die ihre hungrige Brut zu ernähren haben“ ... Ratzfatz wird aus einem australischen Wildhund ein Vogel. Dingos als Höhlenbrüter ... Evolutionsgeschichtlich wäre das sicher von großem Interesse.
Noch mehr Bildung gefällig? Ein Wissenschaftler, der seine Methode des Gedächtnistrainings vorführte, meinte ermutigend: „Das kann jeder lernen. Das ist Phantasie, Imagination und Vorstellungsvermögen.“ Oder Geblubber, Geblubber und Geblubber. Da soll „die Schwerkraft des Kindes die Geburt beschleunigen“, oder es werden den „theoretischen Höhenflügen [eines Wissenschaftlers] Fußangeln zwischen die Beine geworfen“. Und auf der Motorseite der FRANKFURTER RUNDSCHAU hieß es: „Das Schlüsselwort für den Fiat Stilo kann die Welt der kompakten Mittelklasse ändern: Substanz war das Leitthema der Entwicklung.“ Ein Schlüsselwort ändert die Welt? Wenn wir wenigstens wüßten, wie dieses Schlüsselwort lautet ... Substanz kann es ja nicht sein, denn die ist doch schon das Leitthema.
Kriegt in diesen ganzen Redaktionen eigentlich niemand mit, was für ein sprachlicher Unfug da verzapft wird?
So kurz vor Schluß darf ich noch mal auf einen Sportreporter zurückgreifen, der uns am Ende der olympischen Winterspiele einlud, „nochmals alles Revue rekapitulieren zu lassen und uns in der Wiederholung quasi ein Remake der großen Momente“ anzutun.
Und was lernt und dieses Remake? Die Verdummung ist nicht mehr aufzuhalten. Nicht wirklich.
© Andrea C. Busch, 2002
Es ist erst ein paar Jahre her, daß ich an gleicher Stelle über den Vorschlag des damaligen hessischen Kultusministers Holzapfel lästerte, Kinder gar nicht mehr in Rechtschreibung zu unterrichten, da die lieben Kleinen sich ja sowieso die Erwachsenen als Vorbild nähmen, um ihnen nachzueifern. (siehe: Schreiben und Sprechen – eine Vision) Damals konnte ich mir nicht vorstellen, daß irgend jemand einen so unsinnigen Gedanken aufgreifen würde.
Meine Nachbarin, ihres Zeichens Grundschullehrerin, klärte mich auf: Was ich als Unbelehrbare hartnäckig für einen Scherz halten wollte, stellte sich im Laufe unseres Gesprächs als bittere Wahrheit heraus.
Zumindest in hessischen Schulen sind die LehrerInnen angewiesen, in den ersten beiden Schuljahren keine Rechtschreibung mehr zu korrigieren. Die Kinder sollen unbeschwert und ohne Frustrationserlebnisse die Freude am Schreiben lernen. Wenn also ein Kind ein Bild von seinem Nachhauseweg malt und dann „Isch gee haam“ darunterschreibt, wird es gelobt, das Bild wird in der Klasse aufgehängt, und alle dürfen es bewundern. (Und sich die falsche Schreibweise einprägen.) Damit sie auch wirklich keinen Frust erleben, soll auch in anderen Fächern nicht mehr auf die Fehler hingewiesen werden. Statt „9 Fehler“ soll im Heft nur noch stehen: „Du hast 1 Aufgabe richtig gelöst.“
Diese Art von Kuschelpädagogik hört spätestens dann auf, wenn die Kinder auf eine weiterführende Schule kommen. All die Fehler, die sie sich am Anfang ihrer Schullaufbahn eingeprägt habeben, als das Gehirn am aufnahmebereitesten war, werden ihnen jetzt angekreidet. Ob sie wohl verstehen werden, daß ihre LehrerInnen in der Grundschule ihnen das alles aus lauter Rücksichtnahme nicht beigebracht haben?
Meine Nachbarin berichtete außerdem amüsiert von einer jungen Kollegin, die zu ihr ins Klassenzimmer gekommen sei und bei einem Blick auf die Tafel entsetzt aufgeschrieen habe: „Deklinieren Sie etwa mit den Kindern???“, als handele es sich um eine besonders abscheuliche Variante pädophilen Verhaltens. Wie sie denn sonst den vielen Kindern aus fremden Ländern beibringen solle, daß „du gehen hause“ eigentlich kein Deutsch ist? Das wußte die junge Kollegin nicht; sie war nur felsenfest davon überzeugt, daß man Kinder nicht mit Grammatik belästigen dürfe, weil man sie sonst entmutigt.
Am besten wird es sein, wenn wir Grammatik und Rechtschreibung ganz freigeben; seit der letzten Rechtschreibreform glauben die meisten Menschen sowieso, sie könnten die Wörter jetzt schreiben, wie es ihnen am plausibelsten erscheint. Auf diese Art und Weise sparen wir LehrerInnen und Schulbücher, schonen die Wälder, weil weniger Papier benötigt wird, und werden bei der nächsten Pisa-Studie problemlos auf den letzten Platz rutschen. Da soll es ja eigentlich ganz gemütlich sein.
Zurück zu den Vorbildern: Es ist nicht nur die Rechtschreibung, an der es hapert – auch der richtige Gebrauch von Präpositionen, Redewendungen und Metaphern ist völlig außer Mode. Da teilt uns ein Bundesligafußballtrainer eifrig mit, daß er “von der Kompetenz-Seite her absolut ARD-minded“ sei. Ein Tenniskommentator, begeistert von einem Spieler, der kurz vor Matchverlust doch noch erwachte, ereiferte sich: “Er reißt das Match an sich wie ein Phoenix auf der Asche!“ Das war dann „eine Leistung, die man gar nicht groß genug loben kann“. Eine erschöpfte Spielerin sei in der Regenpause in Wimbledon von ihrer Schwester mit den Worten aufgemuntert worden: „Beiß auf die Zähne!“ Eine Hotelfachfrau hat „ihr Handwerk schon in den Kinderschuhen“ erlernt, und über eine karitative Veranstaltung wurde gemeldet: „Der Erlös geht einem guten Zweck zugrunde.“
Da kann ich mich nur noch mit dem Satz aus der Danksagung einer Doktorarbeit an der TU Darmstadt verabschieden: „Ich danke meinem Doktorvater für die Bereitstellung der Mittel und dem Interesse an meinem Thema.“
© Andrea C. Busch, 2003
Nachtrag 2006: Große Erheiterung löste bei mir 2005 ein Pressebericht aus, in dem berichtet wurde, daß die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger entsetzt darüber sei, wie schlecht die Diktate der Drittkläßler ausfielen. Woran kann das bloß liegen?
Ich will so bleiben wie ich bin
"Du darfst!", schallt es mir allenthalben entgegen. Vorausgesetzt, ich habe schon Idealmaße. Dann, und nur dann, darf es mir egal sein, wie Paul meinen Hintern findet. Ansonsten muß ich mich anstrengen. Damit mein Deo keine weißen Stellen auf der rasierten Achselhaut hinterläßt und meine Beine so glatt sind, daß ein Seidentuch daran herunterrutscht, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. (Und es ist wirklich lästig, wenn so ein Seidentuch am Bein hängenbleibt!).
Mein Frühstück besteht aus 74 % weniger Fettanteil als Croissants, dazu gibt es ein Scheibchen Schinken, der garantiert 96 % fettfrei ist und einen Schluck cholesterinfreies Mineralwasser. Und natürlich ein Milchprodukt mit frei erfundenen Kulturen, denn schließlich weiß die moderne Frau, daß der Darm der Sitz der Gesundheit ist.
Dem oder der Liebsten kredenze ich das Bier, das mit neuer Frische daherkommt (wer will schon alte Frische?), die Familie beglücke ich mit biologisch gereiftem Matjes, und ich schütze sie durch antibakterielle Mülleimerbeutel. Zuständig bin ich auch für ein langes und glückliches Leben der häuslichen Geräte, was ich mit dem Kauf des richtigen Wasserenthärters verlängere. Das erspart mir dann auch die vorwurfsvollen Blicke des Servicetechnikers. Außerdem erlaubt mir der neue Kraftreiniger, selbst meine Centmünzen in Windeseile vom Rost zu befreien.
Apropos Zahn der Zeit: Die Tatsache, daß meine Zunge von ganz gefährlichen Bakterien besiedelt ist, treibt mir als hygienebewußter Bürgerin den Angstschweiß auf die Stirn. Wie gut, daß ich mein Deo vorhin schon einmal auf einem Barfußlauf durch die Wüste getestet habe. Da kann mir ja nichts mehr passieren. Aber nur, wenn ich den richtigen Lichtschutzfaktor gewählt habe. Vermutlich sind mir dabei aber die sieben Zeichen der Hautalterung entgangen. Schließlich weiß doch jedes Werbekind: Die Schattenseiten der Haut sind Allergien, Ekzeme und Juckreiz. Gut, daß ich nur bis drei zählen kann.
Meine Familie gesund zu ernähren, ist gar kein Problem mehr, das übernimmt eine Margarine für mich, tatkräftig unterstützt von einer Hockeyweltmeisterin, deren Moderatorenehemann elegant über Tische hüpft, seit er von ihr artgerecht gefüttert wird.
Dafür kann ich meine Zeit damit verbringen, das Einfachheitsgen der Pantoffeltierchen mit einer SIM-Karte zu kreuzen und mit dem dadurch entstandenen Billigtarif aus einer Badewanne auf dem Markusplatz zu telefonieren.
Seltsamerweise darf ich mich verlieben - sogar noch mit 55, vorausgesetzt natürlich, daß mein Pflegeprodukt mit der kostbaren DNA aus Pflanzen mich zehn Jahre jünger aussehen läßt. Sollte das wider Erwarten nicht funktionieren, klebe ich mir künstliche Wimpern an, die jetzt "natural elongation" heißen und trage einen Lippenstift auf, der kuß- und sprengstoffest ist.
Dann schnappe ich mir den Nachbarn - oder die Nachbarin - und wir verschwinden in der Punica-Oase. Vorher muß ich aber noch - nein, nicht die Nase pudern, sondern die Crème mit den lichtreflektierenden Teilglanzpigmenten auftragen, damit ich mein Gegenüber gewinnend anstrahlen kann. Was ist eigentlich aus der Schönheit geworden, die von innen kommt? Beim Auspacken der Saftgläser in der Punica-Oase trifft es mich hart, daß ich bei der Wahl meines Geschirrspülmittels zu geizig war und eines ohne Protector Action gewählt habe. Leichtsinnig habe ich so Glaskorrosion verursacht, und natürlich wird's jetzt nichts mit dem Nachbarn. Vielleicht wäre die Beziehung sowieso an der falschen Slipeinlage gescheitert. Da muß ich mir meinen Orgasmus eben durch die Wahl des richtigen Shampoos verschaffen.
Wißt Ihr was? Ich bleibe lieber so, wie ich bin. Ohne Werbung.
© Andrea C. Busch, 2005
