Schreiben

Schreiben zu können ist etwas Wunderbares, eine Gabe, für die ich dankbar bin. Es traf mich eher unvorbereitet, denn ich stamme aus einer Familie, in der Literatur keine große Bedeutung einnahm. Niemand hatte Thomas Mann gelesen. Er stand noch nicht mal zum Angeben im Regal.

Trotz der Namensgleichheit meines Großvaters mit Wilhelm Busch habe ich bisher keine familiären Bindungen in dieser Richtung entdecken können. Dennoch drängte es mich sehr früh zum geschriebenen Wort. Meine Mutter las mir regelmäßig vor, als ich klein war. (Zum Glück gab es noch nicht die Möglichkeit, mich vor dem Fernseher zu parken und mit dem Kinderprogramm allein zu lassen.)

Buchcover "Doktor Seidelbast"Besonders liebte ich das Buch "Dr. Seidelbast" von Helene Weilen über einen Doktor, der im Wald die Tiere und Wichtel heilt. Buch und ich sind derselbe Jahrgang, und man sieht dem Einband an, daß es nicht nur von mir, sondern auch von vielen anderen Kindern heiß und innig geliebt wurde. Meine Mutter gab jedem Tier, das in die Sprechstunde kam, eine eigene Stimme und erschuf so für mich eine phantasievolle, bunte Welt. Vermutlich entspricht dieses Buch nicht den heute geltenden Vorstellungen von pädagogisch sinnvoller Literatur, aber das tat meiner Liebe keinen Abbruch. (Mal davon abgesehen, dass das, was als sinnvoll und richtig gilt, regelmäßigen Moden unterworfen ist.)

Ich konnte bereits lesen und schreiben, als ich in die Schule kam, denn die Welt der Bücher war für mich so faszinierend, dass ich so schnell wie möglich selbst lesen wollte. Da war es für mich als Kind zum schreiben lernen dann kein so großer Schritt mehr.

Wie viele Mädchen liebte ich Pferde. Ich baute einen Stall aus Lego, stellte Plastikpferdchen hinein, die ich zuvor von ihren Reitern befreit hatte, und dachte mir Geschichten dazu aus. Natürlich bekam jedes Pferd einen Namen, und die Mädchen, die in den Geschichten vorkamen, hatten natürlich auch Namen. Ich weiß nicht, wie groß mein Publikum für diese Geschichten war, aber die Fülle der Namen muß verwirrend gewesen sein.

Richtig ermutigt zum Schreiben wurde ich zu Hause allerdings nicht. Mein Vater war der Ansicht, es handele sich um eine brotlose Kunst und ich solle lieber für die Schule lernen. Das mir der brotlosen Kunst ist nicht ganz verkehrt. Mein Vater dachte da ganz pragmatisch. Er konnte sich sicher nicht vorstellen, dass es auch andere Gründe zu schreiben gab als den reinen Broterwerb.

Buchcover "Mord stinkt zum Himmel"

Mord stinkt
zum Himmel

Meine schriftstellerische Karriere bekam also ihren ersten Knick, und ich beschränkte mich darauf, die Pferdegeschichten zu lesen, die andere geschrieben hatten. Bis ins frühe Erwachsenenalter schrieb ich zwar Tagebuch, Referate und Seminararbeiten, maß dem aber keine besondere Bedeutung zu. Erst im Hauptstudium, Mitte der 1980er Jahre, begann sich in meinem Kopf eine Figur zu formen, die mit Macht nach außen drängte: die der Kommissarin Ina Dehler. Ina Dehler wollte unbedingt einen Fall lösen. Bis sie mich soweit hatte, dass ich mir einen Fall für sie ausdachte und sie darauf losließ, dauerte es ein paar Jahre. Schreiben ist halt doch nicht so einfach.

Schreiben zu können bedeutet zwar nicht, ein Genie zu sein. Ein guter Teil dieser Tätigkeit ist solides Handwerk, und das ist erlernbar. Ohne Begabung bleibt jedoch gutes Handwerk genau das, was es ist: Handwerk. Und ohne solides Handwerk kommt auch eine starke Begabung nicht zur Geltung.

Mittlerweile habe ich mein Handwerk erlernt und kann so der Begabung Raum geben. Ich lade Sie herzlich dazu ein, sich in diesem Raum umzuschauen.

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© Andrea C. Busch, 2005